„Gute Leistung sollte kein Freifahrtschein für schlechtes Verhalten sein.“

In einer meiner ersten Bewerbungsgespräche wurde ich mal folgendes gefragt:

Bewerten Sie sich auf einer Skala von 1 bis 10.
“1” steht für den Projekterfolg und “10” für die Teamloyalität. 

Wo würden Sie sich persönlich einordnen?

Natürlich gab es nicht “die richtige Antwort” – oder doch?

Durch meine Begeisterung zum Sport habe ich direkt in Richtung Teamloyalität tendiert. Ich wollte jedoch nicht den Eindruck erwecken, dass ich nicht leistungsorientiert denke und arbeite. Leistung ist wichtig – aber nicht um jeden Preis. Das war mein Gedanke.

Damals fragte ich mich direkt: Warum muss man sich entscheiden? Heute sehe ich fast täglich, wie Menschen versuchen, sich in diesem Spannungsfeld zu bewegen – und bestmöglich damit umzugehen.

Umzugehen mit einem Fehler im System: Wenn gute Leistung zum Freifahrtschein für schlechtes Verhalten wird.

Dieses Thema hat kürzlich Oliver Kahn angesprochen – und er trifft einen wunden Punkt, nicht nur im Sport. Wir bewundern Champions, die Rekorde brechen – und Leistungsträger, die die Extrameile gehen.

Doch was passiert, wenn gute Ergebnisse mit schlechtem Verhalten einhergehen?

Eine Umfrage aus 2022 zeigte: 42 % der befragten Vorstandsmitglieder tolerieren unethisches Verhalten von Leistungsträgern. Gleichzeitig sagen über 70 % der Befragten in einer anderen Studie, Ethik sei in ihrer Organisation ein wichtiger Wert.

Wo liegt also der Fehler? Warum lassen Unternehmen das zu?

“High Performer Misconduct” gilt als besonders schwer zu sanktionieren.

Der häufigste Grund: die Angst, Leistung zu verlieren. Leistung ist zählbar und wird oft weitaus mehr Beachtung geschenkt. Deshalb wollen wir ja schließlich nicht unsere Leistungsträger verärgern. Oftmals ist das der Grund, warum wir die Dinge nicht ansprechen oder einfach drüber hinweg schauen.

Wenn Dinge nicht gesprochen werden, werden sie zur Norm.

„Ich liefere – also darf ich…“.

Wenn Leistung als Rechtfertigung für Grenzenlosigkeit dient, wird Kultur toxisch. Wenn Talent oder Ergebnis zu stark gewichtet werden, sinkt die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Wenn Teams sehen, dass Top-Leistung ungestraft schlimmes Verhalten nach sich zieht, verschwindet die Glaubwürdigkeit und Vertrauen von Führung.

Die Botschaft: Leistung darf nicht über Werte stehen.

Dieser Beitrag wurde von Melan Thuraiappah am 16.11.2025 auf LinkedIn veröffentlicht. Zum Original-Beitrag

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